Einsatz und Ideen in schwierigen Zeiten

Corona-Krise stellt Lebenshilfe Heidelberg vor große Herausforderungen

Die vielzähligen Maßnahmen und Verordnungen im Zuge der Corona-Pandemie stellen auch die Lebenshilfe Heidelberg vor große Herausforderungen. Lesen Sie hier, wie unsere Dienste und Einrichtungen der Situation begegnen, was die Umsetzung der Regelungen für die Menschen mit Behinderung bedeutet und welche Ideen und Initiativen die Leitungen und Mitarbeitenden in allen Bereichen umsetzen, um im Rahmen des Möglichen das Beste aus der schwierigen Situation zu machen.

Kindergärten Pusteblume

Die Kindergärten Pusteblume sind gemäß der Verordnung der Landesregierung derzeit geschlossen, halten aber eine Notbetreuung für Familien in systemrelevanten Berufen vor. Die Leitungen und Gruppenleitungen stehen per Mail und telefonisch in engem Kontakt zu den Familien, schicken Beschäftigungsideen und Materialien, virtuelle Singkreise und Vorleserunden zu ihnen und fragen nach, ob andere Unterstützung nötig ist.

Der Elternbeitrag für April wurde erlassen, der Ministerpräsident hat eine Refinanzierung dazu angekündigt. Bislang ist auch die Refinanzierung der pädagogischen und therapeutischen Fachkräfte im Schulkindergarten gesichert. Zur städtischen Finanzierung für den Regelbereich und die Eingliederungshilfe sind noch keine abschließenden Entscheidungen getroffen worden.

Das Kinder-und Jugendamt der Stadt Heidelberg empfiehlt freien Trägern deshalb vorsichtshalber Kurzarbeit anzuzeigen, was dann Ende April erfolgen würde. „Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass die Stadt auch die freien Träger weiter angemessen unterstützt“, so Valentina Schenk, Leiterin der Kindergärten Pusteblume.

Das Team arbeitet zurzeit teilweise im Home Office oder auch einzeln vor Ort an Portfolios, Planung, pädagogischen und therapeutischen Themen sowie auch Putzarbeiten.

„Wir müssen im Moment leider davon ausgehen, dass eine Öffnung vor dem 4. Mai ausgeschlossen ist. Möglicherweise kann  die Notbetreuung alsbald ausgeweitet werden, so dass wir mehr Familien unterstützen dürfen als bisher. Schwierig bzw. unmöglich ist es, in der Kindergartenbetreuung die allgemeinen Abstandsregeln einzuhalten und es wird noch stärker als bisher auf Hygiene geachtet werden müssen. Auch der Bustransport muss wohl entsprechend verändert werden“, so Valentina Schenk.

Heidelberger Werkstätten

Normalerweise beginnt der Arbeitstag in den Heidelberger Werkstätten mit einem persönlichen „Guten Morgen“. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung erwarten jeden neuen Tag schon weit vor Dienstbeginn und freuen sich darauf, ihre Kollegen zu treffen. Heute ist es anders – und es fehlt.

Die Information zur Schließung der Werkstätten, genauer gesagt die Untersagung der Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen und angegliederte Förderstätten, erreichte die Lebenshilfe Heidelberg am 19. März und wurde noch am selben Tag umgesetzt. „Leider hat die Landesregierung in ihrer heutigen Pressekonferenz noch keine Aussage bezüglich ihres konkreten Fahrplans zur Wiedereröffnung der Werkstätten getätigt oder tätigen können. Somit bleiben unsere Werkstattstandorte vorerst weiter geschlossen. Sobald wir Neues erfahren, werden wir umgehend unsere Mitarbeitenden, Eltern und Betreuer darüber informieren“, erklärt Wolfgang Thon, Leiter der Heidelberger Werkstätten.

Für die Werkstätten gilt eine besondere zusätzliche Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg. „Nach deren Erlass im März haben wir umgehend einen Krisenstab gebildet, der sich mit vier zentralen Themen befassen musste: den Belangen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung, dem Bereich Firmenarbeit und Dienstleistung, der Situation unseres Personals ohne Behinderung und natürlich auch mit dem Thema Finanzierung“, so Wolfgang Thon.

Die Betreuung und die Schaffung einer Tagesstruktur erfolgt nun für einen größeren Teil der Werkstattmitarbeitenden im Wohnverbund. Das Fachpersonal aus der Werkstatt unterstützt die Arbeit der dortigen Kollegen und steht als Reserve für krankheitsbedingte Ausfälle zur Verfügung. Kleine Verpackungsaufträge der Werkstatt wurden in den Wohnbereich verlagert und stellen eine willkommene Abwechslung im Tagesverlauf dar.

„Diejenigen Mitarbeitenden mit Behinderung, die alleine oder bei ihren Familien wohnen, werden regelmäßig angerufen, um über ihre häusliche Situation sprechen zu können. Dabei werden – sofern es im rechtlichen Rahmen und in unseren Möglichkeiten liegt – gemeinsam Entlastungsangebote für Familien entwickelt. Das können Notgruppen sein, Spaziergänge mit unserem Personal oder auch eine stundenweise Betreuung.  Im Bereich der Beruflichen Bildung werden wöchentliche Aufgaben und Übungsblätter verschickt, damit zuhause weiter gelernt werden kann“, berichtet Wolfgang Thon.

Das betreuende Personal steht im regelmäßigen Kontakt mit den Werkstattmitarbeitenden und realisiert die personenbezogene Betreuung und Entlastung so kreativ wie möglich. Um die Abstandsregelungen im Bürotrakt einhalten zu können, wurde zudem das Arbeiten aus dem Home Office eingeführt.  Sofern noch Zeit verbleibt, werden Produktionsaufgaben abgearbeitet, damit nicht alle Aufträge zum Erliegen kommen. So unterstützen wir auch Firmen, die z. B. im Bereich der Medizintechnik systemrelevant sind, und dadurch lieferfähig bleiben.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus? „Die Frage gleicht momentan einer Achterbahnfahrt“, erklärt Wolfgang Thon. „Aufgrund der Vielzahl der unterschiedliche Partner und Gesetze – Eingliederungshilfe, Rentenversicherung, Agentur für Arbeit, Kurzarbeit sowie das Sozialdienstleiter-Einsatzgesetz – ist heute noch keine belastbare Aussage bezüglich der nächsten Wochen möglich. Bisher wurden die vereinbarten Vergütungen weiter gewährt und wir vertrauen auch für die Zukunft auf den politischen Willen. Es ist niemandem gedient, wenn die Infrastruktur nach der Krise nicht mehr zur Verfügung stehen würde.“

Bislang kann der bisherige Werkstattlohn, auch ohne Arbeit, weiter gezahlt werden. Eine Ertragsschwankungsrücklage aus besseren Zeiten sichert die Zahlungen in den nächsten Wochen. Auf Initiative der Landesregierung von Baden-Württemberg fordern die Arbeits- und Sozialministerien der Länder den Bund auf, die Werkstattlöhne der Beschäftigten mit Behinderung auch in diesen schwierigen Zeiten zu sichern. Diese Initiative begrüßt die Lebenshilfe Heidelberg außerordentlich, da sie mittelfristig eine große Entlastung darstellt.    

„Wenn man der Krise etwas Positives abringen wollte, so ist es der starke Zusammenhalt innerhalb unserer Einrichtungen und zwischen den einzelnen Bereichen sowie der sehr gute Kontakt sowohl zu den Mitarbeitenden mit Behinderung als auch zu den Eltern und Betreuern – also genau das, wofür wir als Lebenshilfe stehen“, so Wolfgang Thon.

Wohnverbund

In den beiden Wohnhäusern der Lebenshilfe Heidelberg und in den vom Wohnverbund betreuten Wohngemeinschaften funktioniert unter großem Einsatz der Mitarbeitenden und Einhaltung strenger Hygieneregeln die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner ohne Unterbrechungen weiter.

Aufgrund der aktuellen Lage gilt für Besuche zum Schutz der Bewohner und der Mitarbeiter jedoch bereits seit mehreren Wochen ein generelles Besuchsverbot. In Ausnahmefällen und nach Rücksprache mit der Einrichtungsleitung kann der Zutritt zu Besuchszwecken erlaubt werden, wenn geeignete Maßnahmen zum Schutz vor Infektionen getroffen werden können.

Auch ist der Zutritt von externen Personen aus sonstigen, insbesondere beruflichen Gründen nur in Ausnahmefällen und mit Zustimmung der Leitung der Einrichtung gestattet. Im Falle der Gewährung des Zutritts sind geeignete Vorkehrungen zum Infektionsschutz zu treffen.

„Alle Mitarbeitenden des Wohnverbunds zeigen sich sehr engagiert und flexibel, um in der gegebenen Situation die bestmögliche Versorgung der Bewohner sicherzustellen“, so Elke Hessenauer, Leiterin des Wohnverbunds. „Unterstützung erfahren wir derzeit von Kolleginnen und Kollegen aus der Werkstatt, die sich freiwillig gemeldet haben und die im Hauswirtschaftsbereich, in der Betreuung und Pflege sowie in der Bereitstellung von Beschäftigungsangeboten tätig sind.“ Bei den Mitarbeitenden ist zudem die Bereitschaft groß, auch ihre eigenen Sozialkontakte außerhalb der Arbeitszeit auf ein Minimum einzuschränken, um kein Risiko einer Infektion der Bewohner einzugehen.

Mit der Schließung der Werkstätten ging auch ein konsequenter Schutz nach außen einher, das heißt, die Bewohner haben seit diesem Zeitpunkt die Häuser im Wesentlichen nur zu Spaziergängen verlassen. Der Garten steht hierfür ebenfalls zur Verfügung. Arztbesuche finden nur statt, wenn sie unverzichtbar sind. Sämtliche Einkäufe oder Erledigungen (Apotheke, Aufsuchen von Arztpraxen wegen Rezepten, Verordnungen etc.) werden von den Mitarbeitenden oder von Freiwilligen ausgeführt bzw. werden angeliefert. Private Einkäufe für die Bewohner werden je nach deren Auftrag ein bis zweimal in der Woche ausgeführt.

„Einer baldigen Lockerung der Einschränkungen sehe ich mit zwiespältigen Gefühlen entgegen. Einerseits wünsche ich uns allen eine baldige Rückkehr zur Normalität. Andererseits bin ich mir des Risikos bewusst, welches eine Lockerung des Besuchsverbotes bzw. Öffnung der Häuser mit sich bringt“, erklärt Elke Hessenauer.

Offene Hilfen

Am 19. März erhielten die Offenen Hilfen von der Stadt Heidelberg offiziell die Information, dass der Dienst weitestgehend eingestellt werden muss. Nach Rücksprache mit der Stadt Heidelberg war es jedoch erfreulicherweise möglich, sich auf ein Notfallangebot zu einigen.

Die Beratungsarbeit kann im Rahmen dieses Notangebots nur noch telefonisch erfolgen, wird aber weiterhin gut in Anspruch genommen. Im Familienunterstützenden Dienst können derzeit rund 20 Familien notfallmäßig konstant begleitet und unterstützt werden. Die Mitarbeitenden im Bereich des Unterstützen Wohnens begleiten die 40 Kunden weiterhin regelmäßig (entsprechende Desinfektionsmittel wurden auch hier den Nutzern zur Verfügung gestellt). Die Begleitung bei Einkäufen oder die Übernahme von Einkäufen bei Risikogruppen wird weiterhin gewährleistet. In diesem Zusammenhang finden darüber hinaus täglich zahlreiche Telefonate statt, um offene Fragen zu klären, Unsicherheiten aus der Welt zu schaffen und Mut zu machen.

Die vom Freizeitbereich der Offenen Hilfen geplanten rund 60 Reisen – mit entsprechenden finanziellen Vorleistungen für Häuser und Hotels – können derzeit und voraussichtlich bis zum Herbst  nicht durchgeführt werden. Und auch sämtliche Treffs, Schulbegleitungen, Feriengruppen und Schulanschlussbetreuungen müssen im Moment und bis auf Weiteres ruhen.

„Durch den Wegfall der Angebote im Freizeitbereich und die Schließung der Werkstätten entfällt für einen Großteil unserer Kunden die komplette Tagesstruktur. Die Nutzer haben gelernt, sich regelmäßig am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Der Wegfall dieser haltgebenden Routinen geht mit Ängsten und Verunsicherung einher. Insbesondere für die Zielgruppe der Autisten, für die Tagesstruktur und klare Orientierung besonders wichtig sind, gehen vermehrt Anfragen nach unbürokratischen Hilfen ein“, erklärt Bettina Bauer-Teiwes, Leiterin der Offenen Hilfen. „Alle diese Anliegen versuchen wir so gut wie möglich zu kompensieren, indem wir unter hohem Einsatz der Mitarbeitenden kreative Lösungen und neue Wege der Kommunikation erschließen.“

Informationen zu Corona und adäquate Hygieneanweisungen werden von den Offenen Hilfen auch regelmäßig in Leichter Sprache zur Verfügung gestellt.

Verein

Der Aufsichtsrat der Lebenshilfe Heidelberg ist von dem außerordentlichen Engagement, dem umsichtigen Handeln, dem solidarischen Miteinander und der (im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten) nachhaltigen Unterstützung für die Menschen mit Behinderungen und ihre Familie durch die Geschäftsführenden Leitungen und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Dienste und Einrichtungen höchst beeindruckt.

All diesen Menschen spricht der Aufsichtsrat seinen ausdrücklichen Dank aus. „Uns ist bewusst, wie sehr sich alle engagieren, damit für die Menschen, für die die Lebenshilfe Heidelberg da ist, diese herausfordernde Zeit einer bisher einmaligen Krise so gut wie irgend möglich bewältigt und gestaltet werden kann. Den großartigen Einsatz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu spüren, macht Mut“, sagt Prof. Theo Klauß, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, im Namen des gesamten Gremiums.

Der Aufsichtsrat dankt ebenso den Verantwortlichen der Stiftung Lebenshilfe Heidelberg, die zum Beispiel bei der unbürokratischen und schnellen Finanzierung dringend benötigter Schutzmasken für den Wohnverbund in großartiger Weise geholfen haben.

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