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"Es sollte immer weiter gehen"

In vielen Gemeinden gab es vor 50 Jahren keine Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung. Also schuf die Lebenshilfe eigene Einrichtungen. Heute begleitet sie immer mehr Menschen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben

"Es gab damals nichts für behinderte Kinder", erzählt Heidi Sommer. Die Vorstellung, dass ihre Tochter Sabine in einer stationären Einrichtung leben könnte, eventuell weit weg – das war die Mutter unvorstellbar: "Sie war doch ein Teil unserer Familie."

Damals, zu der Zeit, als die Lebenshilfe gegründet wurde, gab es keine Angebote für Kinder mit geistiger Behinderung. Kindergärten und Schulen nahmen sie in der Regel nicht auf. So richtete die Lebenshilfe Heidelberg im Herbst 1961 eine Kindertagesstätte für sechs- bis 14-jährige Kinder mit geistiger Behinderung ein. Vielen Eltern kamen diese besonderen Orte auch aus einem anderen Grund entgegen: Sie hielten es für notwendig, ihre Kinder zu beschützen, sie vor Ablehnung und Ausgrenzung zu bewahren.

Ein Kindergarten entsteht

Mit 16 Kindern begann die heilpädagogische Arbeit in einem alten Schulhaus in Kirchheim. Sie sollten Selbstständigkeit bei den Verrichtungen des täglichen Lebens lernen. Schnell wuchs die Zahl der Kinder, immer neue Gruppen entstanden.

Die Räume im alten Schulhaus konnten sie nicht mehr fassen. Die Sonderkindergarten-Gruppen und die Sonderschul-Gruppen zogen um ins Handschuhsheimer Schlösschen. Doch auch hier reichte der Platz bald nicht mehr aus. Ende der 1960er Jahre plante die Lebenshilfe den Bau eines Sonderschulkindergartens in Rohrbach für etwa 60 geistig- und mehrfachbehinderte Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren. 

Recht auf sinnvolle Beschäftigung

Unterdessen stellten sich Eltern und Menschen mit Behinderung die Frage: Wohin nach der Schule? Auch für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung gab es zu dieser Zeit keine Angebote in den Gemeinden. So nahmen 1962 die „Geschützten Werkstätten“ in Heidelberg den Betrieb auf.

Zunächst arbeiteten 16 junge Menschen bei der Vorsitzenden Dr. Leonie Stollreiter zu Hause, später im Keller eines evangelischen Kindergartens.

Die ersten Aufträge waren einfach: das Falten von Beipackzetteln etwa. Viele Eltern waren froh, dass ihre Kinder eine Beschäftigung hatten, eine Tagesstruktur. Zu dieser Zeit förderte man in Deutschland noch die besonderen Einrichtungen, man fasste Menschen mit geistiger Behinderung zusammen und überlegte, welche Arbeit sich für sie anbiete. Die industrielle Fertigung schien naheliegend: Hier gab es einfach strukturierte Arbeiten, die sich leicht in verschiedene Arbeitsschritte zerlegen ließen. Außerdem konnte man mit solchen Aufträgen Geld verdienen.

Immer mehr Menschen suchten einen Arbeitsplatz in den Werkstätten. 1967 hatten sie schon 67 Beschäftigte. Im selben Jahr überließ die Stadt der Lebenshilfe ein Gelände im Hasenleiser. Hier entstand eine Werkstatt mit 120 Arbeitsplätzen. 1969 wurde Richtfest gefeiert.

Ein eigenes Zuhause

Anfang der 1970er Jahre nahm die Lebenshilfe Heidelberg ein weiteres Projekt in Angriff: ein „Wohn- und Klubhaus“. Hier sollten erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung wohnen, die in den Werkstätten arbeiteten aber nicht oder nicht mehr zu Hause lebten.

Ein paar hundert Meter von der Werkstatt entfernt sollte es entstehen – nicht fernab der Stadt sondern mitten in einem Wohngebiet. Im Juni 1975 zogen die ersten Bewohner ein. Die 40 Betten waren schnell belegt, die Wartelisten wurden immer länger.

Doch schon Ende der 1970er Jahre war es nicht mehr selbstverständlich, dass Erwachsene mit einer geistigen Behinderung in Wohnstätten lebten. Weshalb sollten sie nicht in normalen Häusern und neben nichtbehinderten Menschen wohnen? 1977 zogen vier Frauen in eine eigene Wohnung, ein Mitarbeiter der Lebenshilfe begleitete sie im Alltag. Weitere solcher Wohngruppen folgten.

Die Idee der Integration

Immer mehr rückte die Idee der Normalisierung in den Mittelpunkt. Eltern, Fachleute und Menschen mit Behinderung selbst forderten zunehmend, dass sie dort leben, lernen und arbeiten sollten, wo ihre Mitbürger lebten, lernten und arbeiteten.

Im Kindergarten, der inzwischen Pusteblume hieß, entstand 1996 die erste Integrationsgruppe. Wieder platze der Kindergarten aus allen Nähten, auch nach einem Umbau reichte der Platz nicht aus. 2004 bewarb sich die Pusteblume um die Trägerschaft einer integrativen Kindertagesstätte in Rohrbach, im März 2009 nahm die Kleine Pusteblume ihren Betrieb auf.

Arbeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

Auch nach der Kindergartenzeit hört die Integration nicht auf. Heute bieten die Heidelberger Werkstätten nicht mehr nur Arbeitsplätze in ihren vier Häusern an. Sie eröffnen Menschen mit Behinderung auch die Möglichkeit, sich auf eine Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Mitarbeiter der Werkstätten helfen bei der Suche nach Arbeits- oder Praktikums-Plätzen, begleiten Menschen mit Behinderung gegebenenfalls dorthin. Seit 2001 gibt es eine Außenarbeitsgruppe bei der Heidelberger Druckmaschinen AG, wo Mitarbeiter der Werkstätten Grünanlagen pflegen. Andere arbeiten im Einrichtungshaus Ikea, bauen dort Möbel auf.

Jeder Mensch entscheidet selbst

Die öffentliche Meinung hat sich stark verändert. Im Jahr 2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen (UN) eine Konvention, an der Menschen mit Behinderung mitgewirkt haben. 2009 ratifizierte die BRD diese Konvention. Damit wurde sie rechtsverbindlich.

Die Staaten verpflichten sich, Menschen mit Behinderung als vollwertige Bürger anzuerkennen und ihnen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. In allen Lebensbereichen sollen sie selbstverständlich dazu gehören können. Sie sollen – in ihrer Nähe – die Unterstützung bekommen, die sie dafür brauchen. Beispielsweise durch gemeindenahe Dienste und persönliche Assistenten.

Bereits in den 1980er Jahren hat die Lebenshilfe überall in Deutschland solche Dienste und Angebote eingerichtet. In Heidelberg entstand 1986 der „Familienentlastende Dienst“ (FED), aus dem 1998 die „Offenen Hilfen“ hervorgingen, deren Angebote bis heute immer weiter ausgebaut wurden.

Bei den Offenen Hilfen begleiten und betreuen Assistenten Menschen mit geistiger Behinderung wenige Stunden, ganze Tage oder auch über Wochen – teils innerhalb der Familie, teils außerhalb.

Für die Familien kam das Konzept lange zurückgestellten Bedürfnissen entgegen: Eltern von Kindern mit hohem Unterstützungsbedarf konnten nun abends oder am Wochenende etwas gemeinsam unternehmen und Kraft tanken. Menschen mit Behinderung ermöglichen solche Angebote bis heute, aktiver am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Und sie erleichtern eine allmähliche Ablösung vom Elternhaus.

"Ich weiß doch selbst, was ich will"

Auch die Ziele der Lebenshilfe haben sich verändert über all die Jahre: Heute sieht sie sich als Begleiter der Menschen mit Behinderung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Jeder Mensch, das ist die Überzeugung der Lebenshilfe, soll leben können, wie es ihm entspricht.

Jeder soll gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilhaben. Der Mensch mit Behinderung entscheidet selbst, welche Unterstützung er dabei in Anspruch nimmt: Unterstützung beim Wohnen – in einer Wohnstätte oder in einer eigenen Wohnung, Angebote zur Freizeitgestaltung, einen Arbeitsplatz in einer Werkstatt oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. „Ich weiß doch selbst, was ich will!“, so formulieren es Mitglieder der Lebenshilfe selbst.