Graf von Galen-Schule

Vor 50 Jahren bauten die Gründer der Lebenshilfe Heidelberg eine Schule für geistig und mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche auf. Aus dieser Schule wurde 1966 eine staatliche "Sonderschule für Bildungsschwache". Träger war fortan die Stadt Heidelberg. Daraus ging die heutige Graf von Galen-Schule hervor.

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Bildung ist mehr als lesen lernen

Zunächst lernten Kinder mit geistiger Behinderung vor allem lebenspraktische Dinge. Heute sollen ihnen alle Lerninhalte offen stehen

Ende der 1950er Jahre gab es praktisch keine schulische Erziehung für Kinder mit geistiger Behinderung. Sie waren ausgeschlossen. Unter Bildung verstand man damals vor allem das Erlernen der Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Fähigkeit, solche Dinge zu lernen, wurde Menschen mit geistiger Behinderung von vornherein abgesprochen.

1960 vertrat die Bundesvereinigung Lebenshilfe einen anderen Ansatz: Für sie bedeutete „bildungsfähig“ auch, im motorischen und lebenspraktischen  Bereich in der Selbstständigkeit unterstützt zu werden. Ein Hemd zuknöpfen, Schuhe binden – auf solche Dinge konzentrierte man sich in der Folgezeit bei der Förderung.

Eltern und Fachleute wollten demonstrieren, dass auch Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung ein Grundrecht auf Bildung haben. Viele Ortsvereine der Lebenshilfe richteten eigene Schulen ein und machten sich Gedanken über die Lerninhalte. So auch in Heidelberg. Doch war der Schulbesuch für diese Kinder noch nicht selbstverständlich: Eltern mussten Anträge stellen und Schulgeld bezahlen. Das änderte sich in Heidelberg  erst 1966, als die „Sonderschule für Bildungsschwache“ verstaatlicht wurde. Träger war fortan die Stadt Heidelberg.

Es ist viel mehr möglich als man dachte

Bis Ende der 1960er Jahre wurde in allen westdeutschen Bundesländern die Schulpflicht für Kinder mit geistiger Behinderung eingeführt. Etwa zur gleichen Zeit entstand das Fach Geistigbehindertenpädagogik an den Hochschulen.

Auch das Verständnis von Bildung änderte sich. Heute wird darunter mehr verstanden als Erziehung, Förderung und Therapie. Bildung bedeute, die Welt und sich selbst wahrzunehmen und zu verstehen, erklärt Dr. Theo Klauß, Professor für Geistigbehindertenpädagogik und Aufsichtsratsvorsitzender der Lebenshilfe Heidelberg.

Für jeden Menschen sei es lebensnotwendig, die Dinge kennenzulernen und zu nutzen, die Menschen über Jahrtausende entwickelt haben, um das Leben zu gestalten. Dazu gehört Kommunikation, die Gestaltung der Umwelt, Bewegung und Unterhaltung.
Dazu gehört auch, dass man eigene Bedürfnisse erkennt und weiß, wie man sie befriedigen kann.

Über die Jahrzehnte entdeckte man, dass Menschen mit Behinderung viel mehr an allseitiger Bildung möglich ist, als man für möglich gehalten hatte. Man machte ihnen immer mehr Angebote. Zunächst wurden Bildungsschwerpunkte im Bereich Kreativität und Gestalten gesetzt, dann im Bereich der Körperlichkeit, der Kultur und Unterhaltung, der Kommunikation. Immer wichtiger wurde ein möglichst selbstbestimmtes Leben.

Ein eigenes Bild von der Welt entwickeln

Heute spielen auch die klassischen „Kulturtechniken“ wieder eine große Rolle im Bildungskanon der Schule. „Lesen, Schreiben und mathematische Phänomene sind auch für viele kognitiv beeinträchtigte Schüler zugänglich, wenn dies entsprechend vermittelt wird und sie unterstützt werden“, meint Klauß.

Auch sogenannte „höhere Bildungsgüter“ wie Geschichte, Kunst, Naturwissenschaften, Literatur und Philosophie seien wichtig, damit Menschen sich ein eigenes Bild von der Welt machen können – von verschiedenen Möglichkeiten menschlicher Lebensauffassung und Lebensgestaltung. Das setzt voraus, dass sie der Welt begegnen. Schon in den 1980er Jahren forderten vor allem Eltern, dass ihre Kinder mit Behinderung da leben und lernen sollten, wo auch andere Kinder lebten und lernten.

Heute gibt es verschiedene Möglichkeiten der Integration. An der Graf von Galen-Schule etwa, der Sonderschule, die die Lebenshilfe einst gründete, werden seit Jahren Schüler integrativ gefördert: Sie besuchen, begleitet von Sonderpädagogen, Kooperationsklassen an Grund-, Haupt- und Realschulen. Bei jedem neuen Thema müssen die allgemeinen und die Sonderschullehrer überlegen, wie sie es so einführen können, dass alle Kinder etwas davon haben. Häufig wird jedes Arbeitsblatt für jedes Kind individuell gestaltet. „Die Kunst ist es, den Unterricht so zu gestalten, dass jedes Kind auf seinem Niveau und mit seinen Möglichkeiten etwas lernen kann“, erklärt Klauß. Wenn das gelingt, müssen auch die Leistungen der Kinder ohne Behinderung nicht leiden.

Alle Kinder sollen gemeinsam lernen können

„Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ist inzwischen die offizielle Politik in Deutschland“, erklärt Klauß. Im Jahr 2009 hat die Bundesrepublik Deutschland eine UN-Konvention ratifiziert und sich damit unter anderem verpflichtet, jedem Kind den Zugang zu einem inklusiven Bildungssystem zu ermöglichen.

Welche Schule ein Kind aber tatsächlich besucht, hängt von vielen Faktoren ab. Auch davon, wie dieses Recht in den einzelnen Bundesländern umgesetzt wird. Es geht nicht nur darum, dass ein Kind mit Behinderung, das eventuell auf ständige Unterstützung angewiesen ist, einfach nur im gleichen Klassenzimmer sitzt wie die anderen Kinder. Sind zu wenige oder nicht qualifizierte Lehrkräfte vorhanden, wird das Kind alleine gelassen. Die Lebenshilfe will inklusive Schulen, in denen alle Kinder gemeinsam lernen können.

Dass ihr Kind alleine gelassen wird – diese Sorge haben viele Eltern. Seine elfjährige Tochter, meint ein Vater, sei in einer Sonderschule besser  aufgehoben. Sie spricht sehr wenig, gerade beginnt sie, sich mit Gebärden auszudrücken. „In der Sonderschule wird sie ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert. Und sie wird nicht ausgegrenzt“, erklärt der Vater.

Die Mühlen mahlen langsam

Er würde sich wünschen, dass Leah eine ganz normale Schule besuchen könnte. Doch dass sie tatsächlich die Begleitung und Unterstützung bekäme, die sie dort bräuchte – das hält er nicht für realistisch. „Die Mühlen mahlen da sehr langsam“, meint auch die Mutter eines anderen Mädchens.

Auch nach der Schulzeit soll das gemeinsame Lernen und Arbeiten nicht enden. An der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gibt es seit 1999 jährlich ein integratives Hochschulseminar. Teilnehmen können Schüler aus der Graf von Galen-Schule, Mitarbeiter der Werkstätten für Menschen mit  Behinderung und Studierende der Geistigbehindertenpädagogik. Sie alle erleben, wie ganz verschiedene Menschen gemeinsam lernen können, wenn sich alle ihren Möglichkeiten entsprechend mit einem gemeinsamen Thema beschäftigen.

In einem Seminar haben Teilnehmer mit Behinderung Menschen auf der Straße zum Thema „Arbeit“ befragt, während Studierende Bücher über das gleiche Thema gelesen haben.
Gelernt haben sie dabei auch etwas über das Leben und die Arbeit der anderen Teilnehmer. „Am Anfang war es für meinen Kopf ein bisschen anstrengend, weil ich das nicht gewöhnt bin“, sagt ein Mann, der in den Heidelberger Werkstätten arbeitet. „Aber jetzt habe ich mich an das Lernen gewöhnt. Es ist eine richtige Abwechslung.“

Recht auf lebenslanges Lernen

Das Recht auf Bildung endet nie. Deshalb rief Herbert Höss, Gründungsmitglied der Lebenshilfe Heidelberg, gemeinsam mit anderen 1989 die „Gesellschaft Erwachsenenbildung und Behinderung e. V.“ ins Leben. Studenten der Geistigbehindertenpädagogik leiteten die Kurse an Volkshochschulen, die Gesellschaft bot Fortbildungen für Kursleiter und Pädagogen an.

Auch in der Erwachsenenbildung ging man zunächst davon aus, dass Menschen mit Behinderung besondere Lernorte und besondere Angebote bräuchten. Im „Berliner Manifest“ aus dem Jahr 1995 forderte die Gesellschaft dann gleiche Ziele bei den Angeboten zur Erwachsenenbildung für Menschen mit und ohne Behinderung.

Im Grundsatzprogramm aus dem Jahr 2003 steht schließlich die Forderung, dass aus der „Sonder-Erwachsenenbildung“ eine Erwachsenenbildung für alle Menschen werden soll. Jeder soll, so die Gesellschaft, die Angebote der allgemeinen Erwachsenenbildung nutzen können. Auf die Anforderungen, die verschiedene Menschen an Bildungsangebote haben, bereitet die Gesellschaft Kursleiter, etwa von Volkshochschulen, in Fortbildungen vor.

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