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Wohnen wie es jedem einzelnen entspricht

Acht Männer und Frauen leben zusammen in einer Wohngruppe. So individuell wie die Menschen, die hier wohnen, ist die Unterstützung, die sie im Alltag bekommen

Kurz vor vier. „Feierabend“, sagt Georg Schmidt, als er zur Tür herein kommt. Er geht den langen Gang entlang. Das vierte Zimmer auf der linken Seite, das ist seines. Der  57 Jahre alte Mann legt seine Tasche auf den roten Ohrensessel. Langsam kommt er zurück und betritt den großen Wohnraum. Die Wände sind in hellem Orange gestrichen, in einer Ecke stehen drei gelbe Sofas. Am großen Holztisch vor der Fensterfront trinken Menschen Kaffee. Georg Schmidt setzt sich zu ihnen. Er legt seinen Kopf an die Schulter einer Frau. Sie tuscheln und kichern.

Acht Männer und Frauen leben in dieser Wohngemeinschaft. Die beiden Frauen, die bei ihnen sitzen, sind pädagogisch-pflegerische Fachkräfte, die sie in ihrem Alltag begleiten. Sechs solcher Wohngruppen gibt es in der Wohnstätte in Heidelberg.

Die Wartelisten wurden immer länger

Anfang der 1970er Jahre wurde das Haus als „Wohn- und Klubhaus“ gebaut. Es war gedacht als Ort für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung, die in den Werkstätten arbeiteten, und nicht oder nicht mehr bei ihren Familien leben konnten „oder im Wohnheim besser gefördert werden können“, wie es in einer Broschüre aus der Anfangszeit heißt. Schnell waren die 40 Betten belegt.

Doch schon Ende der 1970er Jahre war es nicht mehr selbstverständlich, dass Menschen mit geistiger Behinderung in solchen Wohnstätten lebten. 1977 zogen vier Frauen gemeinsam in eine eigene Wohnung. Die erste Außenwohngruppe war geboren. Weitere folgten. Die Wartelisten des Wohnverbundes wurden immer länger. Anfang der 1990er Jahre baute die Lebenshilfe eine zweite Wohnstätte in Sandhausen, kurz darauf wurde das Haus in Heidelberg um acht Plätze erweitert. Rund 150 Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung nutzen heute eines der Angebote des Wohnverbundes.

Zusammen sitzen, vom Tag erzählen

Sören Reinhold kommt in den Wohnraum. Bis gerade hat der Heilpädagoge Medikamente zusammengestellt und mit einer Mutter telefoniert. Er setzt sich zu den anderen. „Das Kaffeetrinken ist ein Auffangbecken für die Probleme des Tages“, erklärt er, wenn etwa jemand Streit hatte bei der Arbeit.

Gerade scheint es keine Probleme zu geben. Manche erzählen, was sie erlebt haben, andere nippen stumm an ihrem Kaffee. Sie besprechen den weiteren Tag. Die Mitarbeiter erinnern an Termine, die anstehen, Kunsttherapie etwa oder Sportgruppen.

An diesem Tag gehen sie zum Fotografen, Passbilder für die Ausweise machen lassen. Helga Pasch, 63 Jahre alt, ist schon ganz aufgeregt. Sie hat ihre schönste Bluse angezogen, schwarz mit rosafarbenen Blüten darauf. Als sie zurückkommen, gibt es noch einiges zu tun. Georg Schmidt geht in den Keller und holt eine Kiste aus dem Wirtschaftsraum. Toilettenpapier und Putzmittel sind darin. Das ist eine seiner Aufgaben. Auch die Mülleimer muss er leeren. „Wir sind ja kein Hotel“, erklärt Sören Reinhold. Die Menschen, die hier leben, helfen beim Aufräumen und beim Putzen. „Und Wäsche holen“, sagt Georg Schmidt. Gewaschen wird sie in der Wäscherei, sie aus dem Hauswirtschaftsraum holen und einräumen, das müssen die Bewohner selbst. Wer das nicht alleine kann, erhält Unterstützung.

Einkaufen gehen, Essen kochen

Es ist Zeit fürs Abendessen. Unter der Woche gibt es meist Brot, Wurst, Käse und Salat. Das stellen die Mitarbeiter der Küche unten im Haus bereit. An zwei Abenden in der Woche und an den Wochenenden kochen die Bewohner selbst. So wie an diesem Tag.

Zwei Frauen gehen gemeinsam mit Sören Reinhold einkaufen. Sie verlassen das hellblaue dreistöckige Haus. In der Nachbarschaft stehen Einfamilienhäuser und ein paar Wohnblocks. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein Supermarkt, ein Kiosk, in dem Georg Schmidt seine Zeitschriften kauft, und ein Café.

Die Gründer der Lebenshilfe haben bewusst hier gebaut, erzählt der erste Leiter des Wohn- und Klubhauses, Gerhard App. Er erinnert sich an eine Zeit, in der Menschen ihre Kinder mit Behinderung versteckt hielten. Andere wurden in Großeinrichtungen untergebracht. Nun sollten Menschen mit geistiger Behinderung dort leben können, wo andere auch lebten.

In der Wohngruppe bereiten sie unterdessen das Abendessen vor. Eine Mitarbeiterin brät Fleisch an, zwei Männer sitzen am Tisch und schneiden Gemüse, eine Frau holt Teller und Gläser aus dem Schrank. Die anderen sind in ihren Zimmern verschwunden. Im Flur ist leise Musik zu hören.

Der Selbstständige hilft dem Schwächeren

Nach dem Essen machen sich die ersten fertig für die Nacht. Manche gehen alleine ins Bad, bei anderen geht Sören Reinhold mit, um sie im Zweifelsfall zu unterstützen. Bei manchen übernimmt er das Duschen, Zähneputzen und Umziehen fast vollständig.

Sören Reinhold findet es gut, dass der Unterstützungsbedarf bei den Menschen in der Gruppe so unterschiedlich ist. „Der Selbstständigere hilft dem Schwächeren“, sagt er, „schneidet ihm  auch mal das Brötchen auf.“ Das ermöglicht ihnen auch, Ausflüge mit der ganzen Gruppe zu machen. „Die Mitarbeiter können sich auf die Schwächeren konzentrieren, Rollstühle schieben zum Beispiel.“ Vor Kurzem waren sie alle bei einem Festival der Volksmusik. Mindestens ein Mal im Jahr fahren sie zusammen in den Urlaub. Meist buchen sie ein Ferienhaus. Oder sie fahren ins eigene Freizeitheim Hubertus der Lebenshilfe Heidelberg im Odenwald. Dann gehen sie schwimmen und wandern, besichtigen Schlösser oder kegeln.

Georg Schmidt mag seine Mitbewohner – auch wenn er sich nicht ausgesucht hat, mit wem er hier zusammen wohnt. Natürlich gibt es auch mal Streit, erklärt Sören Reinhold. „Aber das ist normal, wenn man zusammen wohnt.“ Dann müssen die Mitarbeiter vermitteln oder herausfinden, was jemanden stört. Manchmal reicht es schon, die Sitzordnung am Tisch zu ändern.

Alles wird akribisch dokumentiert

Jeder der drei Mitarbeiter der Gruppe ist in besonderem Maße für drei oder vier der Menschen in der Gruppe zuständig. So gehen Bedürfnisse des Einzelnen nicht unter, hat jeder immer einen Ansprechpartner. „Sie ist lieb“, sagt Isolde Schulz, 82 Jahre, über ihre Bezugsbetreuerin.

„Wenn ich einen Arzt-Termin habe, geht sie mit.“ Sie machen auch mal einen Ausflug zu zweit, fahren etwa in die Stadt, kaufen Kleidung und trinken Kaffee. Der Bezugsbetreuer beschäftigt sich besonders mit der Geschichte des Einzelnen, mit seinen Vorlieben und Bedürfnissen. Und er schreibt, in Absprache mit dem Team, den Entwicklungsbericht und definiert die Förderziele.

Etliche Ordner stehen im Büro der Mitarbeiter. Für jeden, der hier lebt, gibt es eine Hauptakte, außerdem einen Ordner, in dem alle medizinischen Informationen gesammelt werden, und einen, in dem jeden Tag notiert wird, was passiert ist. „Alles wird akribisch dokumentiert“, erklärt Heilerziehungspflegerin Esther Zoz. Das kostet viel Zeit. Aber sie hält es für wichtig. „So kann man etwa nachschauen, ob eine Verhaltensweise früher schon aufgetreten ist.“

Gegen acht Uhr ist Sören Reinhold fertig für diesen Tag. Er hat die Schreibarbeiten erledigt, die Medikamente ausgeteilt und die Verantwortung an  die Nachtbereitschaft übergeben, die immer einer der Mitarbeiter für die sechs Gruppen im Haus übernimmt. Am nächsten Morgen wird er gegen sechs  Uhr wieder hier sein. Er wird schauen, ob alle wach sind, und denen helfen, die Unterstützung brauchen. Dann wird er mit ihnen frühstücken, bevor sie zur Arbeit gehen.