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Alleine leben lernen

In einer eigenen Wohnung zu leben ist nicht immer einfach. In einer Trainingswohngruppe können Menschen mit Behinderung alles üben, was sie für ein eigenständiges Leben brauchen

In nur eineinhalb Jahren hat sich sein Leben von Grund auf geändert. Ronny Herzberg ist aufgeregt. In diesem Monat noch wird der 26-Jährige in eine neue Wohnung ziehen. Ein Zimmer, Küche, Bad. „Eine sehr schöne Wohnung“, sagt er und strahlt. Seine erste eigene Wohnung.
Ein paar Jahre lang hat Ronny Herzberg in einer Wohngruppe der Wohnstätte Heidelberg gelebt, gemeinsam mit sieben Menschen mit Behinderung. Die meisten von ihnen waren mehr auf Unterstützung angewiesen als er.

Er mochte seine Mitbewohner, sagt er. Er hat sich dort auch wohlgefühlt. Dennoch gab es Probleme. Dem jungen Mann fiel es schwer, sich an die Regeln der Gruppe zu halten. Eine Weile schon hatten die Mitarbeiter des Wohnverbundes das Gefühl, dieser Ort sei nicht der richtige für ihn. Doch auszuziehen, alleine in einer eigenen Wohnung zu leben – das schien zu früh. So entstand die Idee, eine Wohngruppe einzurichten, in der  Menschen wie Ronny Herzberg begleitet werden auf dem Weg in ein eigenständigeres Leben. Einen Ort, an dem sie all das kennenlernen und üben können, was sie dafür brauchen.

Im August 2009 zog Ronny Herzberg gemeinsam mit sechs Menschen mit Behinderung im Alter zwischen 19 und 26 Jahren in die neue Gruppe ein. „Ich habe mich gefreut wie blöd, als das geklappt hat“, sagt er heute.

Niemand wusste, was auf ihn zukam

Eine ganz normale Straße in einem ganz normalen Stadtteil. Eine Reihe gepflegter Einfamilienhäuser steht hier. Es ist kurz nach 16 Uhr an einem Tag im Sommer 2010. Nach und nach kommen die Menschen, die hier leben, von der Arbeit nach Hause.

Manche verschwinden sofort in ihren Zimmern, eine junge Frau holt sich in der Küche einen Jogurt aus dem Kühlschrank. Ronny Herzberg setzt sich auf ein Sofa im Wohnzimmer. Er ist müde.

Die Wände im Haus haben sie bunt gestrichen, gelb im Treppenhaus, rot im Wohnzimmer und in der Küche. Im Flur hängen Bus- und Bahn-Fahrpläne. Eine Wohngemeinschaft eben. In einem kleinen Büro im ersten Stock sitzt Julia Müller an einem Schreibtisch. Sie ist 23 Jahre alt und Heilerziehungspflegerin. In Regalen stehen Ordner, in denen Entwicklungsberichte und Hilfepläne abgeheftet sind. An den Wänden hängen Putzpläne. In einer Ecke steht ein Bett. Hier schläft derjenige, der Nachtbereitschaft hat.

„Wir wussten nicht, was auf uns zukommt“, erzählt Julia Müller. Auch für sie und ihre beiden Kollegen, die vorher in einer Wohnstätte gearbeitet haben, war anfangs alles neu. Gemeinsam mit den Bewohnern haben sie geschaut, was jeder Einzelne lernen muss, um ein eigenständiges Leben zu führen. Dazu gehört auch, seine Freizeit selbst zu gestalten.

„Am Anfang sind sie von der Arbeit gekommen und haben sich vor den Fernseher gesetzt“, erzählt Julia Müller. Doch dann haben sie zusammen das Angebot der Offenen Hilfen angeschaut, das Programm der Volkshochschule gewälzt. Drei Frauen machen nun einen Bollywood-Tanzkurs an der VHS. Sie mögen indische Filme so gerne.

Man traut den Menschen mehr zu. Und man verlangt mehr von ihnen

Die Menschen lernen hier auch, den Haushalt zu führen: einkaufen, kochen, putzen, Wäsche waschen, Geld verwalten. Damit, meint Julia Müller, hätten viele Probleme. Es falle ihnen oft schwer einzuschätzen, wie viel ein Apfel kostet, wie viel ein Pfund Kaffee oder ein Ferrari.

Bei jedem Einzelnen schauen die pflegerisch-pädagogischen Mitarbeiter genau, was er kann und wo er noch Unterstützung braucht. Zu Beginn haben sie jeden einzeln in den Supermarkt begleitet und geschaut, wie er dort zurechtkommt. Findet er die Dinge, die er einkaufen will? Klappt das Bezahlen?

Im Laufe der Zeit übernahmen die Menschen mit Behinderung immer mehr Aufgaben alleine. Inzwischen wechseln sie sich wöchentlich mit dem Einkauf ab. „Manche wussten am Anfang gar nicht, was sie mit einem Putzlappen anfangen sollen“, erzählt Julia Müller. Zuhause bei den Eltern oder in der Wohngruppe hätten sie nie geputzt. Auch keine Wäsche gewaschen. „Manchmal wird man so kindlich behandelt“, sagt Ronny Herzberg.

Das eigene Leben führen, eigene Entscheidungen treffen

Auch wenn es anstrengend ist – jetzt, mit 26 Jahren, will er solche Dinge lieber selbst machen. Trotzdem hat er ein bisschen Angst. Vor der Buchführung zum Beispiel. Alle Kassenzettel muss er aufheben, die Beträge in ein Buch eintragen.

„Aber ich habe viel gelernt in der Trainingswohngruppe“, meint er. Kochen zum Beispiel. Spaghetti und Suppe kann er gut. Blätterteig mit Spinat und Schafskäse hat er neulich gemacht.

Bei aller Aufregung – Ronny Herzberg glaubt, dass er es schaffen wird. Und die Mitarbeiter der Lebenshilfe auch. Julia Müller findet es gut, dass  Menschen mit Behinderung heute wesentlich mehr zugetraut wird als früher. „Aber das heißt auch, dass man mehr von ihnen verlangt.“
In der Trainingswohngruppe ist zwar immer jemand da – die Mitarbeiter nehmen den Menschen hier aber nicht alles ab. Sie entscheiden zum Beispiel selbst, wann sie ins Bett gehen. Auch weckt der Frühdienst niemanden auf. „Wer verschläft, muss das selbst mit seinem Arbeitgeber klären“, erklärt Julia Müller. Später, wenn sie alleine leben, müssen sie es auch ohne Hilfe schaffen.

„Das mit dem Aufstehen, das ist noch ein bisschen schwierig”, sagt Ronny Herzberg kleinlaut und schaut auf den Boden. Jetzt hat er den Wecker ein paar Meter vom Bett weg gestellt. So muss er aufstehen, wenn der klingelt.

Ein wenig Angst vorm Alleinsein

Nach ein paar Monaten in der Trainingswohngruppe ist Ronny Herzberg schon einmal umgezogen, in eine separate Wohnung unten im gleichen Haus. Hier  hat er eine Weile alleine gewohnt – Assistenten und Mitbewohner nur eine Etage entfernt.

Nun zieht er ganz aus. Die Wohnung hat er – mit Unterstützung – selbst im Internet gesucht. „Ich wollte gerne hier im Stadtteil bleiben“, sagt er. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Wohnstättenverbundes hat er Möbel gekauft.

Ob er Angst davor hat, sich einsam zu fühlen in der neuen Wohnung? „Ich bin gespannt“, sagt er und denkt kurz nach. „Dass ich dann alleine Kaffee trinken muss, wenn ich heimkomme, und abends alleine fernsehen – das ist vielleicht ein bisschen blöd.” Aber er hat ja noch seine Freunde. Ob er sich vorstellen kann, irgendwann wieder in eine Wohnstätte zu ziehen? „Nein!“ Ronny Herzberg lacht und schüttelt heftig den Kopf.