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„Inklusion von der anderen Seite“

  • Landesbehindertenbeauftragte Stephanie Aeffner besuchte die Kindergärten Pusteblume der Lebenshilfe Heidelberg

Heidelberg, 08.03.2018. 150 Kinder, knapp die Hälfte davon mit Sonderförderbedarf, werden in den Kindergärten Pusteblume der Lebenshilfe Heidelberg betreut und gefördert. In 15 Gruppen in insgesamt drei Häusern lernen, erleben und spielen sie gemeinsam und erfahren so von Anfang an, was Inklusion bedeutet. Nun konnten sich die Kindergärten Pusteblume über hohen Besuch aus Stuttgart freuen. Die Landes-Behindertenbeauftragte Stephanie Aeffner wollte sich ein eigenes Bild von den Erfahrungen machen, die die Kindergärten Pusteblume mit ihrer besonderen Konzeption im Bereich frühkindlicher Inklusion gesammelt haben.

„Ihr Beispiel mit der Verbindung von Schulkindergarten und Regelkindergarten zu einem Kindergarten für alle macht Mut für alle Einrichtungen, die sich noch auf dem Weg der Umsetzung von Inklusion befinden“, resümierte Stephanie Aeffner bei ihrem Besuch in den Kindergärten Pusteblume. Einen ganzen Vormittag hatte sie sich Zeit genommen, um den Alltag im  Kindergarten in der Freiburger Straße zu erleben und intensive Gespräche mit der geschäftsführenden Leiterin der Pusteblume Valentina Schenk, den Hausleitungen, den Beschäftigten und dem Vorstand der Lebenshilfe Heidelberg Thomas Diehl zu führen.

Los ging es mit einem Besuch in der Bärengruppe, einer von insgesamt fünf integrativen Gruppen, in denen jeweils 16 Kinder – zwölf davon ohne und vier mit Behinderung – gemeinsam gefördert werden. Hier konnte ganz praktisch im Morgenkreis erlebt werden, wie einerseits Unterschiedlichkeit bereichernd wirkt und Handicaps andererseits überhaupt keine Rolle spielen. Nach Einblicken in eine Bewegungsstunde in der Turnhalle, in der Kinder mit unterschiedlichem Entwicklungsstand zusammen spielten, ging es zudem noch hinüber in die angeschlossene Kleinkindbetreuung „Spatzenhaus“. Hier werden bereits die Kleinsten ab einem Jahr in mehreren Gruppen inklusiv betreut.

Vom Schulkindergarten zum Kindergarten für alle Kinder

In Baden-Württemberg stehen Kindern mit Behinderung im Bereich der frühkindlichen Bildung unterschiedliche Wege offen. Sie können allgemeine Kindertagesstätten oder Schulkindergärten besuchen. Schulkindergärten sind ein besonderes Angebot für Kinder mit Behinderung, bei denen ausgehend von einem Antrag der Eltern durch die Schulbehörde Bedarf an einem sonderpädagogischen Bildungsangebot festgestellt wurde.

Als im Februar 1996 mit der Eröffnung eines Regelkindergartens unter dem Dach der Lebenshilfe Heidelberg aus dem Schulkindergarten ein Kindergarten für alle Kinder wurde, war dies noch lange keine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Obwohl in Bezug auf einige organisatorische Abläufe die Zusammenlegung von Regelkindergarten und Schulkindergarten unter einer Trägerschaft durchaus Herausforderungen barg, war es von Anfang an das erklärte Ziel von Leiterin Valentina Schenk, dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern und die eigenen Mitarbeitenden diese nicht spüren sollten. 

Im Konkreten heißt das: Die förderlichen guten Bedingungen des Schulkindergartens sollten erhalten bleiben, aber dennoch mit den Anforderungen des Regelkindergartens – z. B. den längeren Öffnungszeiten – vereinbar gemacht werden.  Ebenso wichtig war es von Beginn an, alle der heute rund 70 Mitarbeitenden zu den gleichen Konditionen zu beschäftigen. Und auch, was die so genannte Vorbereitungszeit angeht, wurden die Differenzen integriert und angepasst. „Wir haben die Zeit, die unseren Mitarbeitenden zur Verfügung steht, um sich pädagogisch auf den Tag vorzubereiten, zwar im Vergleich mit  einem reinen Schulkindergarten etwas verkürzt, aber diesen ganz wichtigen Baustein erhalten“, erklärte Valentina Schenk.

Jedem Kind individuell gerecht werden

Denn gerade das sonderpädagogische Know-how, das das interdisziplinäre Team über die Jahrzehnte immer erweitert hat, ist etwas, das die Pusteblume – neben der gelebten Normalität für alle Kinder – ausmacht. „Wir möchten keine Sonderwelt sein, wie es andernorts in reinen Schulkindergärten vielleicht noch der Fall ist. Und das ist uns mit rund 80 Kindern ohne Sonderförderbedarf, die sehr gerne zu uns kommen, auch gut gelungen. Genauso wichtig ist es uns aber nach wie vor, wirklich jedem Kind – auch denen mit jeder Art von Sonderförderbedarf –  individuell gerecht zu werden. Unser Ziel ist es, einen Kindergarten zu bieten, in dem sich alle Kinder, mit und ohne Behinderung, gemeinsam entwickeln und wohlfühlen können und genau die Förderung und Begleitung bekommen, die sie benötigen“, erklärte Valentina Schenk.

Während sich in Stuhlkreisen, im Garten oder bei Projekten ganz selbstverständlich alle Kinder begegnen, gibt es daher nach wie vor neben den großen Integrationsgruppen auch heilpädagogische Kleingruppen, in denen intensiver auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes eingegangen werden kann. Gerade für Kinder mit einer Behinderung, die nicht schon im Spatzenhaus betreut wurden, erleichtert dies oft den Einstieg ins Kindergartenleben oder den späteren Umstieg in eine der großen Gruppen enorm. „Die Erfahrung, die wir durch den großen Anteil an Kindern mit Sonderförderbedarf aufgebaut haben, ermöglicht es uns auch, Kinder mit Behinderungen aufzunehmen, die derzeit einen Regelkindergarten besuchen und deren spezielle Bedürfnisse im Rahmen der dortigen Bedingungen und Angebote nicht adäquat erfüllt werden können. Häufig sind dies Kinder, die in ihrer Motorik oder Kommunikation stark eingeschränkt sind oder die eine Autismus-Spektrum-Störung haben. Ohne diese Kompetenz wäre in Heidelberg oft kein passender Platz für diese Kinder zu finden“, so die Leiterin der Kindergärten Pusteblume.  

Öffnung von beiden Seiten

„Wichtig ist es auf jeden Fall, dass eine Öffnung in beide Richtungen stattfindet. Das Thema Inklusion ist nur gemeinsam zu stemmen“, betonte aus ihrer Sicht Stephanie Aeffner, die in ihrer Funktion die Umsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen überwacht und sich auf allen staatlichen Ebenen für das Thema Inklusion stark macht. Für die Regelkindergärten hieße dies eine Öffnung für Kinder mit Sonderförderbedarf, von der Barrierefreiheit bis hin zum differenzierten Förderangebot – und für die Schulkindergärten eine Öffnung für nicht-behinderte Kinder und eine Entwicklung in Richtung Normalität.

„Wir sehen unser gemischtes Modell der ‚Inklusion von der anderen Seite‘ als echtes Erfolgskonzept an. Zum einen, weil wir in Heidelberg den Bedarf der Kinder abdecken, die sonst aus dem System herausfallen würden. Und vor allem, weil für Kinder und Eltern sind die Kindergärten Pusteblume schon heute ganz einfach ein Ort für alle Kinder sind – ohne Barrieren und ohne Trennung“, so Thomas Diehl, Vorstand der Lebenshilfe Heidelberg.  

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Pressekontakt:

Katrin Kanellos
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Lebenshilfe Heidelberg e.V.
Tel.: (06221) 339 23-13
E-Mail: katrin.kanellos@lebenshilfe-heidelberg.de