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Anerkennung auf Augenhöhe

  • Gemeinsames Projekt mit Pädagogischer Hochschule ermöglicht Arbeitserfahrungen für Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung

Heidelberg, 15.05.2017. Im Förder- und Betreuungsbereich (FuB) der Heidelberger Werkstätten werden Menschen mit schwerer geistiger oder mehrfacher Behinderungen unterstützt und begleitet. Eingebunden in eine feste Tagesstruktur, aber ohne einen zwingenden Arbeitsweltbezug können die Menschen dort die Wirklichkeit eines zweiten Lebensbereichs außerhalb ihres Zuhauses erleben. In einem gemeinsamen Projekt gehen die Pädagogische Hochschule (PH) Heidelberg und die Lebenshilfe Heidelberg nun einen Schritt weiter. Mit individuell zugeschnittenen Tätigkeiten ermöglichen sie es einmal die Woche auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, wertvolle Arbeitswelterfahrungen außerhalb der Werkstatt zu sammeln.

An der Ausleihe der Lernwerkstatt Inklusion der Pädagogischen Hochschule herrscht reger Betrieb. Die Lernwerkstatt ermöglicht es Studierenden, praxisnahe Kompetenzen für den inklusiven Unterricht aufzubauen. Außerdem können hier Lernmaterialien für Praktika ausgeliehen werden. Diese Materialien müssen regelmäßig herausgesucht, gescannt und wieder einsortiert werden. Jeden Dienstag hilft seit Oktober auch Rudolf Großmann, die Studenten zu versorgen. Der 36-Jährige arbeitet zum ersten Mal außerhalb des Förder- und Betreuungsbereichs und zum ersten Mal zusammen mit Kollegen ohne Behinderung. „Die Aufgabe eignet sich besonders gut, da es an der Ausleihe möglich ist, gleichzeitig Flexibilität und den Kontakt mit anderen zu üben“, erklärt Prof. Karin Terfloth, die das Projekt an der PH ins Leben gerufen hat.

Seit langem diskutiert und gefordert

Die Umsetzung des Rechts auf Arbeit auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf wird seit Langem von Verbänden und Wissenschaft gefordert. Wie dies funktionieren kann, diskutiert unter anderem der bundesweite Arbeitskreis „Teilhabe von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf am Arbeitsleben“, der von Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege, Fachverbänden für Menschen mit Behinderungen ins Leben gerufen wurde. Es reifte der Entschluss, gemeinsam mit der Lebenshilfe Heidelberg die Theorie in einem Pilotprojekt in die Praxis umzusetzen. Begleitet wurde das Projekt durch eine Wissenschaftliche Arbeit von Katrin Heyden, die diese zum Abschluss ihres Lehramtsstudiums Sonderpädagogik verfasste.

Die Idee, direkt an der PH Aufgaben für Menschen mit besonders hohem Hilfebedarf anzubieten, wurde in den Heidelberger Werkstätten der Lebenshilfe begeistert aufgenommen. Eine Woche lang machte sich Katrin Heyden in der Werkstatt in Sandhausen gemeinsam mit den dortigen Betreuern ein umfassendes Bild davon, wer aus dem Förder- und Betreuungsbereich von dem Projekt und den neuen Impulsen profitieren könnte.

Individuell zugeschnittene Aufgaben

Neben Rudolf Großmann kommt nun auch Kerstin Zimmermann jede Woche für zwei Stunden an die PH, um sich mit einer individuell zugeschnittenen Aufgabe einzubringen. Die 27-jährige hatte bereits im Vorfeld Erfahrungen darin gesammelt, mit einem speziellen Joystick am Computer zu arbeiten. Nun nutzt sie diese Fähigkeit, um an der Hochschule die jeweils im Laufe der Vorwoche angesammelten Druckaufträge für Flyer oder Poster auszudrucken. „Kerstin freut sich wahnsinnig, dass sie hier herkommen kann und es tut ihr gut, auch außerhalb der Werkstatt soziale Anerkennung zu bekommen“, berichtet Alexander Penz, der als Betreuer im Förder- und Betreuungsbereich im Wechsel mit seiner Kollegin Christina Veith die Projektteilnehmer an die Hochschule begleitet.

Auch Für Elias Meilan, der aufgrund seiner Blindheit noch mehr Unterstützungsbedarf hat als seine beiden Mitstreiter, wurde eine besondere Aufgabe ausgearbeitet. Gemeinsam mit einem befreundeten Tüftler entwickelte Katrin Heyden ein spezielles Schneidebrett für ihn, das jedes Mal, wenn der Hebel zum Schneiden eines Papieres, etwa eines Flyers oder Flugblatts, betätigt wird, einige Sekunden eines Musikstücks abspielt, das er besonders mag. Das motiviert immer wieder aufs Neue zum Weitermachen. „Ich hätte das, was wir jetzt mit Elias hier leisten, nicht für möglich gehalten“, freut sich Alexander Penz. „Die Aufgabe passt so gut, dass er das Schneidebrett nun auch regelmäßig mit in die Förder- und Betreuungsgruppe in der Werkstatt bringt und benutzt.“

Niederschwelliger Ansatz statt künstlicher Hürden

„Es ist uns sehr wichtig pragmatisch an die Sache heranzugehen. Hürden gibt es überall, aber sie sollten nicht im Weg stehen, es wenigstens zu versuchen, auch Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung ins arbeitsweltbezogene soziale Miteinander zu integrieren“, so Terfloth. „Wir haben die Voraussetzungen zur Teilnahme bewusst so niederschwellig wie möglich gehalten und gemerkt, dass wir auch mit kleinen Mitteln Erfolge erzielen können. Daher planen wir, das Projekt noch weiter auszubauen und weiteren Menschen aus dem Förder- und Betreuungsbereich zugänglich zu machen.“

Und, auch das ist nicht zu unterschätzen: Nicht nur den teilnehmenden Menschen mit Behinderung, sondern auch den Studierenden an der PH ermöglicht das Projekt ganz neue Erfahrungen, wie die Professorin feststellt: „In unserem Projekt sind die Studierenden nicht in der Rolle des Betreuers, sondern in der des Kollegen oder – wie an der Ausleihe – in der eines ganz normalen Kunden. Man merkt direkt, dass sich etwas bewegt in den Köpfen, wenn die Begegnung in einem ganz anderen Kontext stattfindet.“

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Pressekontakt:

Katrin Kanellos
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Lebenshilfe Heidelberg e.V.
Tel.: (06221) 339 23-13
E-Mail: katrin.kanellos@lebenshilfe-heidelberg.de